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Samstag, 10. Februar 2018

Und wie viel Barnum steckt in dir?



Greatest Showman

Genießt den Jubel: Hugh Jackman

Im Film von Regisseur Michael Gracey über die Geschichte P.T. Barnums, der ein großes Zirkusspektakel auf die Beine stellen will, hat sich der Protagonist (Hugh Jackman) an einigen Stellen mit einem Kritiker auseinanderzusetzen. Barnum will mit seinem Spektakel die einfachen Leute faszinieren, während Mr. Bennett die Show verreißt und ihr vorwirft, oberflächlich und auf visuelle Reize konzentriert zu sein. Der Film weiß, wie und wo er sich auf dieser Skala verortet und so verwundert es im Nachhinein kaum noch, dass auf der IMDb interessanterweise positiven Publikumsbewertungen (8,0) nur verhaltene Kritiken (Metascore 48, Stand 10.02.2018) gegenüberstehen.


Barnum ist auf der Suche nach Spektakel, das ihm erst dann gut genug ist, wenn es Breitenwirkung gewinnt. Ein erster Versuch geht nach hinten los. Dann entdeckt er „Freaks“ für sich. Hier steckt mehr dahinter, als nur ein Auslachen. Sie bringen eine Faszination mit sich, und Barnum bringt nicht nur diese Faszination auf die Bühne, sondern auch die Menschen dahinter, die mit ihren Abweichungen von Konventionen den Weg aus ihren Verstecken ins Rampenlicht finden. Sei, wer du bist – im großen Stil.
Dasselbe gilt für Barnum. Sein Streben nach Anerkennung auch in den Kreisen der Oberschicht entfernt ihn von seinen Wurzeln: Von seiner Familie und seinem Zirkus. Er riskiert beides, als er mit der in Europa verehrten Sängerin Jenny Lind durch die Vereinigten Staaten tourt. Als sein Leben dann in Trümmern liegt, besinnt er sich auf das zurück, was er eigentlich will und findet neue Wege, ein Spektakel auf die Beine zu stellen, bei dem sein Team und er sich sicher sind: „This is the Greatest Show!“ Dass der Film dabei seinem zuweilen etwas unzugänglichen Fokalisator, gespielt vom unverschämt charismatischen und gutaussehenden Method Actor Hugh Jackman, folgt, hat dabei zweischneidige Auswirkungen.

Zum einen beweisen die Filmemacher ein gutes Auge für schöne und visuell beeindruckende Aufnahmen. Bereits am Anfang gelingt ein schnittloser Szenenwechsel aus einer zunächst als Gegenwart der Diegese angenommenen Shownummer zurück zur Kindheit des Protagonisten. Auch in späteren Szenen, gerne auch den kreativ choreographierten Gesangseinlagen,  gibt es visuell beeindruckende Bilder, die sich auch ihrer Nähe zum Kitsch nicht schämen.
Dabei sollte auch noch angemerkt werden, dass nicht nur die Optik spektakulär sein kann. Auf der Audiospur finden sich Titel wie „This is me“ und natürlich das musikalische Flaggschiff des Films, „The Greatest Show“, die besonders herausstechen; überhaupt ist es eine interessante und nicht schiefgehende Idee, einen in der Vergangenheit angelegten Film mit Songs zu bestücken, die instrumentell überhaupt nicht in seine diegetische Gegenwart passen.

Andererseits muss doch auch der Bennet’schen Sicht ein bisschen Platz eingeräumt werden: Auf seinem dramaturgisch soliden Fundament verpasst es der Film, an passenden Momenten in die Tiefe zu gehen, bzw. vermeidet sogar bewusst auf längere Problemlösung angelegte Konfliktsituationen auch in dieser Form aufzulösen. Dadurch wird die Handlung zwar immer weiter vorangebracht, was dabei nicht durchgängig dynamisch vonstattengeht, doch das filmische Musical gerät damit ab und an aus dem Rhythmus. Pausen, in denen bestimmte, gerade erreichte dramaturgische Konstellationen ausgebreitet werden und sich dann weiter entfalten können, können mehr Tiefe geben, als ein paar feuchte Augen der Figuren.
Diesen werden, wie man es bei dieser Thematik auch erwarten darf, Charakterbögen und Entwicklungen der Beziehungen innerhalb ihrer Konstellation zugestanden, jedoch werden diese nur oberflächlich behandelt. Dass Greatest Showman es so weit kommen lässt, ihm Oberflächlichkeit ankreiden zu können, ist letztendlich sein eigenes Verschulden. So erscheint der Film an manchen Stellen etwas unschlüssig, ob die Idee, ein oberflächliches Spektakel zu machen, einen Film noch immer tragen kann und kokettiert daher mit einer Komplexität, an die er sich dabei nie wirklich herantrauen mag.

Das Spektakel, das der Film bietet, lässt er sich dennoch nicht mehr nehmen.



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JAH

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